Praktikantendresche, Reporterstolz und ein ganz kleiner Genderwitz ganz unten

Liebe Leser und Leserinnen, liebe Zuhörer,

ich wollte nie Reporterin werden. Gut, ganz kurz mal, vor zehn Jahren, da schon:

Ressortleiter haben meist einen Ton drauf wie Feldwebel auf dem Truppenübungsplatz.
- „Die Taxifahrer streiken. Um elf is die Pressekonferenz. Spätestens halb zwölf brauch ick den Text. Ditt kann do die Praktikantin machen. Katrin, fährst du nach Schönefeld?“ [Fügen Sie hier einen Flughafenwitz Ihrer Wahl ein.]
- „Ich heiße Lea.“
- „Was? Ja ja. Thea. Fahr du ma nach Schönefeld. Inna Stunde lieferste die 150 Zeilen.“
- „Äh…“
- „Was denn noch?!“
- „Ich brauch doch nach Schönefeld hin schon fast 40 Minuten…“
- „Hä? Wo ist denn dein Auto, Katrin?“
- „Ich hab doch gar kein Auto. Und mein Name ist…“
- „Watt is los?! Seit wann stellen wir denn hier Praktikanten ohne Auto ein?! So kann ick nich arbeiten!“

Sieben Praktika hab ich gemacht, dann hatte ich die Schnauze voll und bin zur Lesebühne gegangen.
Die Zeiten ändern sich. Hier mein neuester Karla-Kolumna-Erguss: http://www.taz.de/Reklame-im-oeffentlichen-Raum/!110530/
Morgen in der Zeitung, heute schon im Netz. Irre, diese Medien!

Lea demnächst auf der Bühne und in der Zeitung:

Lasst euch nicht stressen von Jungs und Medien und kommt mal wieder vorbei.
Zu Eure
Lea

Der Anschiss lauert überall

Von wegen neue Badewanne!

Am Dienstag waren sie da, die Klempner. Ich war nicht da, Paul hat auf sie aufgepasst und Kaffee gekocht. Ich saß schön im Exil bei Tante Erna.

Von wegen schön!

Ich saß im Exil bei Tante Erna und hab mir den Kopf zerbrochen über Stieg Larsson, den schwedischen Krimiautor, der sich tot geschrieben hat, bevor er von seinem Welterfolg auch nur einen Heller gesehen hatte. Jaja, verschiedenes passiert. Da ist einmal eine Kuh in den Propeller gekommen… Aber das ist wieder eine andere Geschichte und die ist nicht mal von mir.

Stieg Larsson jedenfalls hat die Lisbeth Salander erfunden und die ist ihm ziemlich gelungen, wenn er auch sonst kein guter Schriftsteller war, aber das hab ich schon mal erklärt.

Nun muss ich an dasselbe Thema nochmal ran. Das ist spannend und gleichzeitig eine furchtbare Quälerei. Am Ende soll nämlich ein wissenschaftlicher Text rauskommen, kein lustiger Zeitungsartikel und erst Recht keine Geschichte.

Mir sind die Hände gefesselt beim Schreiben. Jedesmal, wenn ich in Fahrt komme, schneidet mir das kalte Metall der Handschellen ins Fleisch und mein innerer Gefängniswärter brüllt: “Unwissenschaftlich, Thema verfehlt, Marsch, Marsch, zurück zum Text!” Er rollt das Rrrr beim Brüllen und fuchtelt mit dem Schlagstock.  Und obwohl ich schon halb über den Zaun war, klettere ich wieder runter und setzte meinen zermürbenden Weg entlang der ausgetretenen Pfade schon gedachter Gedanken fort, immer im Kreis um das Thema rum.

Das ist Selbstdisziplin!

Und dann komm ich nach Hause und wir haben gar keine neue Badewanne. Dieselbe alte verkalkte Wanne steht im Bad, nur mit neuem Abfluss.

Und ich muss jetzt putzen…

Das Unbewusste wohnt im Badezimmer

Eigentlich wollte ich ja heute ins Babylon. Nich vorlesen, sondern zuhören. Ganz privat bei Tiere streicheln Menschen. Der Gotti hat nämlich ein Kinderbuch geschrieben, das führt er heute vor. Zusammen mit Sven van Thom. Das wollte ich mir angucken.

Und dann kam alles wieder ganz anders: Wir hatten ja das Problem mit dem Badewannenabfluss (der stinkt, deswegen sollen wir eine neue Wanne kriegen) und dann war neulich früh ein kackbrauner Dreckwasserstreifen unter dem Warmwasserspeicher im Bad. “Stinkt nich, is nur Rost!”, hat mein Freund gesagt und den Streifen weggewischt. Und dann hatte ich letzte Woche den Badezimmerfenstergriff in der Hand. Wir sollen ja jetzt viel lüften. Bis wir die neue Wanne haben. Immerhin haben wir schon einen Termin, wann die neue Wanne eingebaut werden soll. In zwei Wochen. Das musste nämlich mit den Nachbar unter uns koordiniert werden, weil die bei denen durch die Decke müssen. Oder so. Die waren aber zwei Wochen nicht da. Oder sind nicht ans Telefon gegangen. Jedenfalls hat Firma Rohrfrei UNS schließlich aufgetragen, mit den Nachbarn einen Termin zu machen. Und der ist in zwei Wochen. Bis dahin sollen wir lüften, hat Firma Rohrfrei gesagt. Und nun ist der Fenstergriff kaputt.

Und dann werde ich heute morgen wach und denke: “Regen? Nein. Bach? Nein. Wasserfall!” Da ist der Warmwasserspeicher durchgerostet und übergelaufen und hat die halbe Wohnung überschwemmt. Der Klempner von Firma Rohrfrei war da und hat gesagt: “Da könn wan schönen Schrottschein schreiben.” Beziehungsweise hat der Klempner das natürlich nicht zu mir gesagt, sondern zu meinem Freund, obwohl ich die Hauptmieterin bin und mein Name im Mietvertrag steht und obwohl ich alle Termine gemacht hab. Scheißegal. Ich durfte Kaffee kochen. Mein Arsch hat mehr Aufmerksamkeit gekriegt als ich.

Wahrscheinlich gibt es bei Klempnern so eine Klausel im Arbeitsvertrag: “Niemals mit Frauen über fachliche Dinge reden.” Man weiß ja, was dabei rauskommt. Sie sagt: “Uhu, ich hab da eine feuchte Stelle…” Er sagt: “So so. Dann werden wir uns das mal anschauen… Oho, das ist aber wirklich feucht. Da müssen wir wohl mal ein Rohr verlegen…” Und wenns ganz schlimm kommt, dann holt er noch seinen Kollegen. Das Internet ist voll mit sowas.

Da ist es vielleicht schon besser, wenn der Klempner nur ein bißchen Schwanzvergleich mit dem einzigen anwesenden Mann im Haus macht: “Jaja, ho ho, die Dichtung… und dann den Bolzen rein… so ein Loch…”

Man kann keine unverfänglichen Sachen über einen Raum sagen, in dem jeder sofort die Hose runterlässt! Wo man sein Innerstes nach Außen kehrt, sich rein wäscht, parfümiert und Schminke auflegt. Brauch man sich ja nicht wundern, wenn da das Unbewusste hochkommt wie eine leere Schampooflasche, die man unter Wasser drückt. Oder wie Pupsblasen in der Badewanne.

Kein Wunder, dass es müffelt!

“Schaffen Sie das denn heute?”, hab ich mich getraut zu fragen und der Klempner hat schallend gelacht und ein bißchen Kaffee auf seiner Hose verschüttet.
- “Morgen?”
Der Klempner schüttelt den Kopf. “Sie brauchen ja nen neuen Speicher. Früher hatte unsere Zuliefererfirma sowatt vorrätig, aber heute muss dit allet erst jeordert werden und denn bleibt der Lastwagen stecken… Naja, Sie kennen dit…” Der letzte ging wieder an Paul.
- “Heißt das, wir haben jetzt zwei Wochen kein warmes Wasser?”, frage ich.
- “Wieso? Sie können doch schön im Topp Wasser anwärmen, kippen Se sich übern Kopp, wern Se ooch sauber!” Ich glaube, er findet das lustig. “Nein, im Laufe der nächsten Woche sollte dit Problem behoben sein. Wenn allet jut jeht…”

Ich habe bis jetzt nicht geduscht. Und das wo gestern Surfpoeten war. Da stinkt man am nächsten Tag immer so nach RocknRoll. Und Sex und Drogen und so. So kann ich ja zu keiner Kinderbuchvorstellung, schließlich. Deshalb gehe ich jetzt zu meiner Tante Erna und lege mich in die Wanne. Paul nehm ich mit. Und denn gucken wa mal

Nachsatz 6.6.:

Die Nachbarn gegenüber haben heute neue Fenster gekriegt – so laut, dass meine gewackelt haben und ich in die Bibliothek umziehen musste. Dabei weiß ja jeder, was passiert, wenn ich in die Bibliothek gehe

Und dann hab ich vorhin die Nachbarin von unten auf der Treppe getroffen, die sagt, sie ist nächste Woche da, wenn unsere Wanne kommt. Und wir hoffen bloß, dass sie nicht wirklich die Decke aufstemmen, sonst bricht am Ende noch das ganze Haus zusammen…

Lea im Fernsehen auf AlexTV

Unsichtbare Filmstars

Von Lea Streisand

Ein Filmteam stand heute Nachmittag auf dem Mauerweg in Pankow. „Können sie bitte da an der Seite lang fahren?“ zwitscherte die junge Assistentin, die bestimmt nur dafür da war, pissige Radfahrer aus dem Weg zu räumen. Auf der Grünfläche daneben saßen zwei Menschen unter einem Sonnenschirm am Frühstückstisch und drum herum standen etwa 20 andere Menschen mit so Puschelmikrophonen und Kameras und Abblendscheiben und im Hintergrund rauschte die S-Bahn vorbei.

„Manchmal geht mir dieses junge kreative Berlin so was von auf die Eier“, sage ich abends zu meinem Kollegen Ivo, „deshalb bin ich ja damals aus Prenzlauer Berg weg, weil ich nich mehr bei jedem Milchkaufen in irgendwelche Dreharbeiten reinrennen wollte.“ Ivo nickt und saugt einen Mund voll Bier aus der Flasche. Ivo wohnt am Hackeschen Markt. Der rennt täglich irgendeiner Kamera ins Bild. Auf wie vielen Kilometern weg geschnittenem Film der wohl schon drauf ist? Allein bei „Lola rennt“ ist es bestimmt eine halbe Stunde. Ivo, der unsichtbare Filmstar. Neulich hat er mal so eine Filmtruppe richtig zusammengeschissen, erzählt er. „Da hatte ich eh schlechte Laune, an dem Tag. Und dann war wieder die halbe Straße gesperrt. Da hab ich die angeschnauzt, ihr mit eurem Scheißfilm, für den sich keine Sau interessiert, den kein Schwanz gucken wird und der euch nur finanziell ruiniert, könnt ihr nicht einfach HartzIV beantragen ohne vorher die halbe Stadt zu stressen?“ Ivo trinkt aus. Die Pause ist vorbei. Wir müssen zurück auf die Bühne. Die Lesebühne Lokalrunde wird nämlich heute gefilmt von Alex TV. Ivo Lotion macht dann später Videos draus. Vorhin hat er schon ein Interview mit mir auf der Straße gemacht. Arkonaplatz, Mitte, tolle Kulisse. Bloß blöd, dass uns ständig Passanten ins Bild gerannt sind. Muss Ivo nachher alles rausschneiden.

Montag, 17.10.2011, 19.45 Uhr Lokalrunde auf AlexTV

Die Liveschaltung 2010

„Und hier ist wieder Kermit, der Frosch, von den Sesamstraßennachrichten. Ich melde mich live von der Ziellinie des Magisterarbeitsmarathons. Ich stehe hier direkt vor dem Hauptgebäude der Humboldt Universität zu Berlin. Wie Sie alle wissen, ist heute der Abgabetag. Die Zuschauer warten mit Spannung auf die Kandidatin S. Die Buchhändler decken vorsorglich ihre Ware zu, der Portier raucht vor Nervosität schon die dritte Zigarette. Es war ein nervenaufreibender Lauf, meine Damen und Herren. Erinnern Sie sich an geschlossene Archive, verschollene Bücher und falsche Quellenangaben. Dann die Dopingvorwürfe wegen übermäßigen Kaffee-, Schokoladen- und Tabakkonsums. Erinnern Sie sich an all die hysterischen Anfälle, an die vielen Momente, wo wir dachten: Das schafft sie doch nicht! Aber sie hat es geschafft, meine Damen und Herren! Sie hat es durchgezogen. Und hier kommt sie, meine Damen und Herren, auf dem Fahrrad kommt sie auf das Gelände gefahren. Jetzt steigt sie ab mit letzter Kraft, die letzten sechs Monate sind nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Jetzt greift sie ihre Tasche, schließt das Rad an, jetzt geht sie in das Gebäude hinein. Wir folgen ihr mit der Kamera. Und JETZT, meine Damen und Herren, JETZT SCHMEISST SIE DIE MAGISTERARBEIT IN DEN HAUSBRIEFKASTEN!!! Ist denn das die Möglichkeit!!! Ich bin völlig von den Socken, verehrte Zuschauer. Und jetzt kommt sie wieder heraus. Die Buchhändler werfen mit Büchern, der Portier mit Zigaretten. Wahnsinn, meine Damen und Herren, es ist einfach Wahnsinn!
Frau S., Frau S.! Ein kurzes Interview für die Sesamstraßennachrichten. Wie fühlen Sie sich jetzt?
- Ähm, äh, ich äh…
- Ich danke Ihnen, Frau S. Sie sehen, meine Damen und Herren, was eine Magisterarbeit aus einem Menschen machen kann. Und damit gebe ich zurück ins Studio.“

Lea Streisands Osteransprache 2009 (Single Edit)

Liebe Hasen, hallo Hennen, werte Eier,
Ostern ist Mittelaltermarktzeit. „Die sind doch alle bescheuert!“ jammert Paul. Wir stehen am Bahnhof Gesundbrunnen und warten auf den Zug um 10.39 Uhr nach Chorin. Außer uns warten etwa fünfzig „Gewandete“: Männer in Schlüpfern und Mädchen in bodenlangen Staubfängern, die für einen Tag so tun wollen, als wäre die Erde eine Scheibe, die dann alle gemeinsam im Met- Rausch mal spielen dürfen. Mittelaltermärkte sind Ferienlager für Menschen mit Persönlichkeitsstörungen und solche, die es werden wollen. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe zehn Jahre lang als „Kassenjungfer“ gearbeitet. Das liegt bei uns in der Familie, mein Vater ist der Veranstalter. Ich freue mich auf diesen Tag im Dreck. Darauf, öffentlich rauchen zu dürfen, darauf, zu pinkeln ohne mir aufs Kleid zu machen, darauf, alle Darbietungen von Anfang bis Ende anzugucken. Ich werde die Kollegen bemitleiden ohne mitzuleiden zu müssen. Ich freue mich darauf, zu gehen, wenn das Wetter schlecht wird oder ich einfach keine Lust mehr hab.
Außer den Mittelalterfans beleben noch Fanatiker ganz anderer Couleur den Bahnhofsvorplatz. Blau/weiß nämlich. Hertha hat ein Auswärtsspiel in Hannover. Um halb elf stehen sich die beiden ungleichen Gruppierungen an Gleis acht und neun gegenüber, zeigen mit den Fingern über die Schienen auf die jeweils andere Seite und lachen sich gegenseitig aus: „Guck dir die Idioten an!“ Außer in den Kostümierungen liegt der einzige Unterschied zwischen den Wartenden darin, dass die auf Gleis acht jetzt schon Bier trinken, mehr Eintritt gezahlt haben und länger Zug fahren müssen. Alle sind froh, nicht zu den anderen zu gehören. Außer Paul: „Fahren wir nächstes Jahr auch zum Fußball?“

Lea Streisand: Ich fang noch mal von vorne an

 

Ich kann Sylvester nicht ausstehen. Diese bekackten Party-People, die marodierend durch die Straßen ziehen und es lustig finden, Briefkästen in die Luft zu jagen. Dieser bekotzte Zwang, die Fete des Jahres zu feiern, wenn man eigentlich lieber ins Bett gehen möchte, weil einem von Weihnachten noch schlecht ist. Ich mag auch keinen Sekt und ich finde es heuchlerisch, um 0 Uhr wildfremden Menschen um den Hals zu fallen und ihnen ein schönes neues Jahr zu wünschen. Mir doch scheißegal, ob die ein schönes neues Jahr haben!
Zumal der Wunsch sowieso nicht in Erfüllung geht. Hatte jemand von euch ein schönes neues Jahr? Ich jedenfalls lag am 1.1. nur sinnlos in der Gegend rum und hab gehofft, dass das Essen drin bleibt. Den Auftritt abends musste ich im Sitzen machen, sonst wär ich einfach von der Bühne gefallen.
Und dann diese bescheuerte Sitte, auf Dächer und Balkone zu steigen, damit man ein möglichst gutes Ziel für die Assis abgibt, die ihre Stütze in die Luft jagen. Sollen sie doch nach Palästina gehen, wenn sie Krieg spielen wollen! Nein, ich bin heute nicht subtil, ich habe heute richtig schlechte Laune.
Gestern komme ich nämlich nach Hause – Ich hab in Neukölln gefeiert und sie mussten erst die brennenden Autos aus der Einfahrt räumen. – und da ist meine Heizung kaputt. Inkontinent. Sie kann das Wasser nicht bei sich behalten. Alle drei Stunden muss welches nachgefüllt werden, sonst fängt die Heizung an zu rattern. Man glaubt gar nicht, wie schnell die Temperatur in einer Wohnung fallen kann, wenn draußen Minus fünf Grad sind! Alle meine Schals sind schon mit Speiseresten eingesaut und beim Tippen haue ich ständig daneben, weil die Fausthandschuhe die Feinmotorik einschränken.
Ah. Es klingelt. Der Klempner ist da! Frohes Neues!